Wir unterscheiden allgemein drei Altersstadien der Obstbäume:

Jungbaumstadium
Ertragsstadium
Baumalter


Es gibt für jedes Alter spezifische Schnittmaßnahmen. Dabei ist jedoch weniger das Alter in Jahren relevant als der Zustand des Baumes. Wächst ein Jungbaum nicht mehr genügend, weil er zu früh Früchte trägt, ist er schon "vergreist"


Junger Baum


Einige Fachhandlungen und Baumschulen bieten Ihnen zum Kauf eines neuen Obstbaumes einen "Erziehungsschnitt" an. Dies ist ein notweniger Eingriff, um dem neuen Gartenbewohner "die Richtung zu weisen". Sie sollten sich die folgenden Fragen beantworten:

Soll mein Baum eine einzelne Krone haben oder bereits im unteren Drittel 2-3 Kronenansätze entwickeln?

Wie viele Leitäste im unteren Bereich sind für den zukünftigen Standort optimal (3-4) und sind diese gleichmäßig ausgebildet?

Aus den Antworten auf diese Fragen ergeben sich Schnittmaßnahmen. Doch auch wenn der Baum bereits so aussehen sollte, wie Sie es sich wünschen, muss er einen ersten Schnitt erfahren: die Leitäste werden eingekürzt und dabei in die Saftwaage gebracht. Die Stammverlängerung muss daraufhin entsprechend eingekürzt werden, um ein gesundes Saftzugverhalten anzuregen. Die Spitze soll dabei über den Leitastenden liegen.

Im Folgejahr muss darauf geachtet werden, dass sich nur eine Krone ausbildet, da sich evtl. ein zweiter Ast zur Konkurrenz entwickelt. Dieser wird komplett entfernt. Die Leitäste haben sich verzweigt und bilden Asthierarchien. Ein Neutrieb bekommt dabei die Führung des Leitastes zugeordnet, weitere Triebe werden zukünftig zu Fruchtholz ausgebildet. Dies geschieht bei Apfelbäumen nur durch Absenkung des Zweiges, entweder natürlich oder durch Herunterbinden. Günstig ist ein Winkel von ca. 45 Grad. Bitte nicht waagerecht binden! Das führt zu einer zukünftigen Unterversorgung und Vergreisung. Entsprechend können Äste auch hochgebunden werden.

Sollten sich in den nächsten Jahren keine Verzweigungen an der Stammverlängerung bilden, der Abstand zwischen zwei Leitastetagen also höher als ca. 0,5 m sein, wird die obere Knospe ausgebrochen oder der Trieb leicht zurückgeschnitten. Im Folgejahr wird erneut eine Stammverlängerung festgelegt (evtl. geradegebunden), die weiteren Neutriebe werden zu Leitästen formiert, also leicht heruntergebunden. So kann man auch verfahren, wenn ein junger Baum seine Krone verloren hat.

Ertragsstadium


Dies ist das beste Frucht- und Wuchsalter eines Baumes. Zu beachten sind also beide Aspekte: Fruchtbehang UND Zuwachs. Je nach Sorte sollte dieser in einem jährlichen Neutrieb von 20-40 cm zu erkennen sein!

Ein regelmäßiger leichter Auslichtungsschnitt führt zu guten Durchlüftung und Belichtung des Bauminneren. Dabei verlagert sich der Fruchtansatz ganz natürlich nach außen. Evtl. im Wachstum stehen bleibende Kurzzweige im Inneren, sogenannte Ringelspieße, müssen auch jetzt schon entfernt werden. Bitte jedoch den Baum nicht innen kahlasten. Der alte Spruch: "Durch einen Baum muss man seinen Hut werfen können" bezieht sich auf Aststummel, die man immer entfernen sollte.

Erfahrungsgemäß ist dies das Wachstumsstadium, in welchem die meisten Schnittfehler gemacht werden. Manche wollen den fehlenden Erziehungsschnitt "nachholen", andere entdecken, dass die gewünschte Endhöhe überschritten wird und begrenzen den Baum nach oben/zur Seite. In den meisten Fällen führt das zum starken Nachtrieb, denn: starker Schnitt = starke Reaktion. Dazu muss man sich folgendes verbildlichen: der Wurzelumfang eines Baumes steht im Verhältnis zur Astmasse. Natürlicherweise besteht ein Gleichgewicht. Entfernt man große Astpartien, entsteht ein Ungleichgewicht, welches der Baum ausgleicht, indem er sehr zügig sehr stark durchtreibt.

Ein Ergebnis dieses Vorgangs sind unter anderem sogenannte "Wasserschosse". Manchen Gärtner bringt diese Reaktion schier zum Verzweifeln. Dabei ist die Lösung so einfach: stört man das Gleichgewicht Jahr für Jahr aufs Neue, indem man alle Wasserschosse entfernt, versucht der Baum immer wieder, das Gleichgewicht herzustellen; lässt man dem Baum den neuen Nachrieb, beruhigt er sich im Wachstum und wird über zwei bis drei Jahre sogar Fruchtholz ansetzen. Mit dieser Behandlung können sich viele aus ästhetischen Gründen nicht anfreunden. Man sollte jedoch bedenken, dass Obstbaumschnitt nicht der menschlichen Ästhetik unterliegt, sondern den natürlichen Wachstumsgesetzen. Ideal ist eine "Mischbehandlung", bei der man zwischen sinnvollen und sinnfreien Schossen unterscheidet, diese zugunsten jener entfernt und dabei eine neue Asthierarchie aufbaut, ähnlich den Erziehungsmaßnahmen an einem jungen Baum.

Der aufmerksame Gärtner behandelt Wasserschosse bereits im Sommer, denn sobald sie sich im Bauminneren zeigen, lassen sie sich leicht herausdrehen. Dabei entfernt man schlafende Augen, die sich am Ansatz des Schosses befinden und so nicht mehr austreiben können.

Generell muss man akzeptieren, dass man einen Baum nicht "kleinhalten" kann. Höhe und Habitus sind genetisch festgelegt und können allenfalls leicht zugunsten geringer Abweichungen beeinflusst werden. Das heißt: man kann einem Baum gestatten, mit einer Krone hoch zu werden oder mehrkronig breit zu werden. Solche Festlegungen werden im Erziehungsalter getroffen.

Baumalter


Ob ein Baum "vergreist", erkennt man an seinem Gesamterscheinungsbild: die meisten Äste hängen nach unten, der Baum ist übersäht mit Ringelspießen und Quirlhölzern und hat fast keinen Neutrieb. Entweder ist der Ertrag unmäßig hoch, die Früchte entschieden zu klein und man hat zuviel Ausfall aufgrund von Fruchtfäule, oder es gibt kaum noch Ertrag. In beiden Fällen hilft ein Altholzschnitt: man dünnt das überalterte Fruchtholz aus, entfernt nach unten hängende Äste, um einen Neuaustrieb anzuregen und unterstützt die letzten Neutriebe, indem man das Holz unter ihnen abträgt. In den meisten Fällen kommt es bereits durch einen mäßigen Eingriff zu einer Wuchsverbesserung. Auf jeden Fall ist es ratsam, die Altholzentfernung auf zwei bis drei Jahre auszudehnen.

Eine weitere Eigenart alter Bäume sind Reiterbildungen. Aufgrund der Scheitelpunktförderung treiben bogig hängende Leitäste auf der Oberseite aus. Diese meist senkrecht wachsenden Triebe entwickeln sich nicht selten zu Kronenkonkurrenten, unterliegen jedoch aufgrund des ungünstigen Ansatzes großem Druck, der zu Brüchen führen kann. Reiter kann man durch Ableiten oder Abspannen geschickt in neue Leitäste umwandeln, jedenfalls sollte ihnen die Funktion des Kronenersatzes genommen werden.

Allgemeine Schnittregeln


Es wird immer dicht an der Knospe (am "Auge") geschnitten. Zu lange Endstücke trocknen ein und können von Pilzen oder Baumkrebs befallen werden. Da Endstücke und Aststummel selten abgeworfen werden, versucht sie der Baum zu umschließen, was sehr lange dauert oder nie vollständig abgeschlossen wird. Solche Stellen sind jahrelange "Türen" für Sporen und Viren ins Bauminnere.

Äste werden immer am Astring entfernt. Astringe sind sichtbare oder gedachte Schnittstellen an der Astbasis, die den kleinsten Durchmesser darstellen. Die so entstandene Wunde ist kleinstmöglich und wird ohne Probleme schnellstmöglich umschlossen. Voraussetzung ist außerdem eine glatte Schnittkante. Scharfes Werkzeug ist deshalb unabdingbar.

Sollen Triebe abgeleitet werden, schneidet man bis auf ein Auge an der Unterseite des Zweiges zurück. Diese Maßnahme dient der Absenkung des Astes, z.B. zur Fruchtholzbildung. Aufleiten kann man folglich, indem man auf ein Auge zurückschneidet, das an der Oberseite eines Zweiges sitzt. Aufleiten muss man z.B. veraltetes Holz, indem man das Wachstum nach oben lenkt. Auch junges Fruchtholz, das sich nach der Ernte nur noch in der Waagerechten befindet, wird aufgeleitet. Dabei schneidet man auf das letzte Astdrittel zurück.

Verletzungen müssen generell schnellstmöglich versorgt werden. Dazu zählen Witterungsschäden (Hagel, Sturm, Eis), Temperaturschäden (Frostrisse (Südseite Stamm), Wachstumsrisse (Unterseite Leitäste)), Schäden durch Rasenmäher oder -trimmer und Krankheitsherde, wie Wucherungen oder Obstbaumkrebs.